Hans-Werner Bille, bis Ende vergangener Woche Hausarzt in Völpke, im Volksstimme-Interview
„Wir wollten fünf Jahre bleiben und uns dann etwas fürs Leben suchen" - Im Frühling hätte er sein 40-jähriges Dienstjubiläum als Hausarzt in Völpke gefeiert - und hätte das auch gern erlebt. Es kam anders. Seit Montag ist Hans-Werner Bille im Ruhestand. Für Volksstimme-Mitarbeiter Ronny Schoof Anlass für ein ausführliches Gespräch mit dem 69-Jährigen. Bille im Volksstimme-Interview über seinen Abschied, Zukunftspläne und Probleme im Ärztewesen.
Volksstimme: Herr Bille, wie schwer war es Montagfrüh im Bett liegenzubleiben und nicht den gewohnten Weg zur Arztpraxis aufzunehmen?
Hans-Werner Bille: Es ist schon ein etwas komisches Gefühl. Es war ein Bruch. Aber ich habe zurzeit noch viel zu tun. Die ganze Praxisübergabe muss noch endgültig abgewickelt werden.
Volksstimme: Ein komisches Gefühl muss es auch an ihrem letzten Arbeitstag gewesen sein. Ich meine Patienten mit der Gewissheit zu behandeln, dass nach dem Wochenende ein anderer für sie verantwortlich ist.
Hans-Werner Bille: Das stimmt. Mir gingen auch die ganzen Glückwünsche und Dankesbekundungen sehr nahe.
Volksstimme: Hand aufs Herz - hätten Sie nicht noch gern die 40 Jahre voll gemacht?
Hans-Werner Bille: Auch gern mehr. Ich bin nicht arbeitsmüde und hätte gern weitergemacht. Letztendlich muss man aber auch bedenken, dass man im Alter nachlassen könnte. Das wäre in meinem Beruf fatal.
Volksstimme: Hatten Sie denn Einfluss auf die Entscheidung, wann Sie in den Ruhestand gehen und wer Sie ersetzen wird?
Hans-Werner Bille: Wir haben schon vor einigen Jahren mit der Nachfolgersuche begonnen. Es ist ja gegenwärtig schwierig, jemanden zu finden, der als Landarzt arbeiten will. Es ging dann aber doch alles sehr schnell. Das hat mich ein wenig überrascht.
„Entwicklung im Ärztewesen geht ins Negative"
Volksstimme: Sie sprechen gerade den Ärztemangel an. Werden Praxen wie in Völpke überhaupt noch eine Zukunft haben?Hans-Werner Bille: Ich denke, dass es trotz der schwierigen Umstände und Polikliniken, die ja wieder im Kommen sind, auch weiterhin den klassischen Landarzt geben wird.
Volksstimme: Schwierige Umstände? Meinen Sie damit die Budgetierung, der die Ärzte unterliegen?
Hans-Werner Bille: Auch. Die Entwicklung im Ärztewesen geht ins Negative. Vor allem, was die Bezahlung und die Medikamentenverschreibung angeht. Eine Praxis in der Größenordnung wie in Völpke wird zum Beispiel mit gut 900 Patienten pro Quartal kalkuliert. Kommen dann aber 1500 Patienten, muss ich quasi 600 Leute umsonst behandeln. So etwas dürfte nicht sein, auch wenn der Hauptgrund für das Arztsein nie das Geldverdienen sein darf. Man bekommt heutzutage viel vorgeschrieben. Überhaupt haben Bürokratie und Dokumentation deutlich zugenommen.
Volksstimme: Da können Sie doch froh sein, dass sie das hinter sich haben.
Hans-Werner Bille: Na ja, vieles davon hat meine Frau erledigt. Sie hat sich neben der Physiotherapie um den ganzen Papierkram gekümmert und mir den Rücken freigehalten, so dass ich mich wirklich gut auf die Arbeit mit den Patienten konzentrieren konnte.
Volksstimme: Hat Ihre Frau mit Ihnen zusammen den Ruhestand angetreten?
Hans-Werner Bille: Ja. Wir werden jetzt erst einmal eine Reise unternehmen. Unser Urlaub führt nach Kuba.
Volksstimme: Haben Sie sich sonst noch etwas vorgenommen, wie Sie ihre Freizeit künftig gestalten?
Hans-Werner Bille: Haus und Hof werden mich auf Trab halten. Ich lese gern Bücher und treibe etwas Sport. Außerdem habe ich begonnen, Spanisch zu lernen. Meine Schwiegertochter ist Spanierin. Und ich will in der Medizin auf dem Laufenden bleiben und werde deshalb weiterhin die Fachmagazine studieren.
Volksstimme: Zurück ins Jahr 1968. Da kommt ein junger Arzt namens Hans-Werner Bille aus Quedlinburg nach Völpke, weil ...
Hans-Werner Bille: ... ich nach meiner Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin in Halberstadt das Angebot bekommen habe und ich nicht weit weg vom Harz wollte. Der Ort Völpke machte einen guten Eindruck. Er sah ordentlich aus, hatte zum Beispiel keine Gosse mehr. Die Wohnung über der Praxis war schön, und auch finanziell war es für mich damals attraktiv hier zu arbeiten. Wir haben uns gesagt: Bleiben wir fünf Jahre und suchen uns dann was fürs Leben.
Volksstimme: Warum haben Sie den Absprung verpasst?
Hans-Werner Bille: Es hat sich ergeben, dass Völpke das wurde, was wir gesucht haben. Man hatte sich inzwischen an das Umfeld und die Patienten gewöhnt. Also haben wir ein Haus gebaut und sind geblieben. Ich glaube, so lange hat hier noch keiner durchgehalten. Bevor ich herkam, hatte es keine feste Praxis und ungefähr 25 Arztwechsel gegeben.
Volksstimme: Geht einem etwas die Düse, wenn man anfangs als Hausarzt ohne große Routine einen Patientenstamm betreut, der von der Platzwunde bis zu Herzbeschwerden allesmögliche haben kann?
Hans-Werner Bille: Ich war ja kein Anfänger mehr. Während der Facharztausbildung bekommt man schon viel Praxiserfahrung mit. Aber es stimmt schon: Man muss wendig sein, weil man als Hausarzt vom Baby bis zum Greis behandelt. Das ist eigentlich eine hoch anspruchsvolle Rolle. Man darf aber nie überheblich werden, sondern muss sich immer auch seiner Schwächen bewusst sein.
„Zu DDR-Zeiten hatte man mehr Freiheiten"
Volksstimme: Sie haben gut die Hälfte Ihrer Tätigkeit als DDR-Arzt ausgeübt, die andere Hälfte als BRD-Arzt. Gab es wesentliche Unterschiede bei der Arbeit in den zwei Systemen?Hans-Werner Bille: In Bezug auf die Krankheiten nicht. Das waren natürlich damals wie heute im Grunde dieselben. Doch so merkwürdig das klingt: Zu DDR-Zeiten hatte man als Arzt mehr Freiheiten. Wie gesagt, heute bekommt man viel vorgeschrieben. Mit der Zeit hat sich außerdem das Anspruchsdenken der Patienten verändert. Die Ansprüche sind deutlich höher als früher.
Volksstimme: Mit der Wende waren Sie plötzlich Privatarzt. War es schwer, sich umzustellen?
Hans-Werner Bille: Schwer ja, aber ich meine, das gut geschultert zu haben - wie eigentlich das gesamte Gesundheitswesen damals die Umstellung gut gemeistert hat. Ich war auf einmal in der Chefrolle, musste die Mitarbeiter selbst bezahlen. Und dann mussten wir Schulden aufnehmen, um die Praxis zu modernisieren.
Volksstimme: Wen haben Sie aufgesucht, wenn Sie mal krank waren?
Hans-Werner Bille: Ich bin nie zu einem Kollegen gegangen, habe mich bis auf eine Operation immer selbst kuriert.
Volksstimme: Gab es einen Moment oder ein Erlebnis, wo sie sich als Arzt so richtig bestätigt gefühlt haben?
Hans-Werner Bille: Zu solchen Momenten zählte für mich jede schwierige Diagnose, die man sofort richtig stellt, obwohl die Symptome vielleicht eher auf eine andere Erkrankung hinweisen. Oder aber als ein kleines Mädchen - sie ist inzwischen selbst schon Mutter - nach der Behandlung gefragt hat: Darf ich Dir einen Kuss geben?
Text und Foto: Ronny Schoof - Volksstimme




