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Der „Medizinmann“ aus Völpke unterwegs in Afrika

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Hans-Werner Bille kehrt voller tiefer Eindrück in die Heimat zurück / Großer Dank für Unterstützung / Spenden reichen noch für einen zweiten Einsatz -

Sechs Wochen lange waren Hans-Werner und Lieselotte Bille im humanitären Einsatz im afrikanischen Gambia (Volksstimme berichtete). Nach der Rückkehr nach Völpke schrieb der 70- jährige Allgemeinmediziner Erfahrungen und Eindrücke nieder.

 

Angeregt durch den Bericht einer Ärztin im Jahre 2008 in der Volksstimme absolvierten wir - meine Frau und ich - vom 17. Januar bis 27. Februar einen humanitären Einsatz in Gambia. Unter Mithilfe der beiden Vereine „Malaria- und Schülerhilfe Gambia e.V." und „Gesundheit und Bildung e.V." konzentrierten wir unsere Tätigkeit auf medizinische und soziale Schwerpunkte. Da alles für uns Neuland war - wir wussten überhaupt nicht, was uns erwartet - ging es mit etwas gemischten Gefühlen per Flugzeug auf die Reise nach Banjul, der Hauptstadt von Gambia. Dort nahm uns der Leiter des Vereins „Malaria- und Schülerhilfe" zusammen mit zwei einheimischen Jugendlichen in Empfang. Doch oh Schreck, das Auto, ein VW Bully, versagte den Dienst. Wir mussten vom Airport bis zu unserem Domizil abgeschleppt werden. Das machte ein befreundeter Gambier mit einem uralten Mercedes Benz. Nach Austausch wichtiger Telefonnummern und Adressen vor Ort bezogen wir unser Quartier. Es nannte sich Compound und bedeutet: inmitten der einheimischen Bevölkerung befindet sich ein ummauertes Geviert. Darin wohnen in kleinen Gebäuden sowohl die einheimischen Vermieter als auch die Gäste. Nach Bekanntmachung mit dem Vermieter begannen wir, uns häuslich einzurichten. Wir hatten zur Verfügung: einen Wohnraum, einen Schlafraum, ein Bad und eine kleine Veranda zu ebener Erde. Strom- und Wasseranschluss waren vorhanden, aber nicht immer in Betrieb.

 

Keine eigenen Ärzte vor Ort

Die ersten Tage waren ausgefüllt mit der Durchsicht der dort von vorherigen Ärzten. übriggebliebenen Materialien Medikamente, Verbandstoffe etc.). Vieles musste aussortiert werden. Wir selber hatten durch Spenden von Apotheken und Privatpersonen ausreichenden Vorrat an wichtigen Dingen mitnehmen können. Die Arbeit der beiden Vereine konzentriert sich vor allem auf Schulen mit einer Gesamtzahl von etwa 2500 Schülern. Dort werden zeitweilig, wenn Ärzte vor Ort sind, Untersuchungstermine vereinbart. Einheimische Ärzte sind dafür nicht vorhanden. Es gibt zwar in größeren Orten sogenannte Health Center, diese werden aber nicht von Ärzten, sondern von examinierten Pflegern oder Hebammen geleitet. Daneben existieren auch traditionelle Heiler (Marabuts). Finanziert werden diese Einrichtungen nur teilweise vom Staat; meist stehen europäische Sponsoren dahinter. Auch wir haben dort Material abgegeben. Drei der vier zu betreuenden Schulen befinden sich auf der sogenannten Nordbank Gambias. Das ist der Teil des Landes, der nördlich des Gambiaflusses liegt. Hier ist die Not am größten, da es so gut wie keine ärztliche Versorgung gibt bzw. die Wege dahin schwierig sind oder die Kosten nicht aufgebracht werden können.

 

Pipilöcherim Sand

Unsere Arbeit beginnt damit, dass wir uns in einem  Klassenraum einrichten (Klassenraum: kahler Raum ohne Strom, klapprige Holztische und -bänke, Blechdach ohne Zwischendecke, Fenster ohne Glas, aber mit Moskitodraht, kein Wasser, 30 bis 40 Schüler pro Raum, Pipilöcher im Sand als Toilette). Dann strömen die Kinder im Alter von vier bis 15 Jahren mit ihren Beschwerden herein. Ein/e Lehrer/in reguliert den Ansturm und ist auch als Übersetzer tätig - es gibt in Gambia eine Vielzahl von Stammessprachen. Amtssprache ist Englisch (auf gambisch: Pidgin). Die Kinder kommen mit diversen Beschwerden, Krankheiten oder Verletzungen. Alle Untersuchungen und Behandlugen spielen sich vor dem gesamten Publikum ab - auch das Ausziehen. Geklagt wird vor allem über Zahnschmerzen (Karies!), Kopf- und Bauchschmerzen (das sind manchmal Vorzeichen auf Malaria), Hautkrankheiten, Wurmbefall, Seh- und Hörstörungen. Zudem gibt es sehr viele Verletzungen mit infizierten und schlecht heilenden Wunden. Alles wird sofort behandelt und versorgt. Wichtig ist für die Menschen dort in jedem Fall eine Medikamentengabe, denn, so ihre Überzeugung, ohne Arznei ist man kein richtiger Arzt. Placebos hatten wir ausreichend parat. Wiederbestellungen wurden ebenfalls vereinbart, jedoch nicht immer eingehalten. Bei dringlichen Fällen, die stationär versorgt werden mussten, wurde Fahrgeld und Geld für Medikamente von uns aus dem Spendentopf gegeben, so zum Beispiel bei Malariaverdacht, Osteomyelitis, Pneumonie bei Säuglingen, Katarakt oder OP- Bedarf. Es spricht sich in der Umgebung der Schule schnell herum, wenn europäische Ärzte da sind. Dann sind auf einmal statt der Schüler die Einwohner des Dorfes da, die sich ebenso ärztliche Hilfe erhoffen. Da kommen Diabetiker, Herz- und Hochdruckkranke, Sehgestörte oder Blinde, Mütter mit Babys, Frauen mit Halswirbelsäulenschmerzen (Wasserträgerinnen), Männer mit Magen-Darm-Beschwerden oder Schlafstörungen und auch Neugierige, die sich mal durchchecken lassen wollen - es kostet ja nichts. Damit die Wartezeiten nicht zu lang wurden, haben wir meist ohne Pausen von vormittags bis zum späten Nachmittag durchgearbeitet. Ganz früh konnten wir nicht anfangen, weil erstens der Gambiafluss auf abenteuerliche Weise überquert werden musste und zweitens der Unterricht erst um 8.30 Uhr beginnt. Die Flussüberquerung ist deshalb abenteuerlich, weil man ganz früh starten muss, um einen Platz auf der Fähre zu ergattern (es gibt keine einzige Brücke. Es wartet meist eine bunte Gesellschaft von Autos, Lkw, Eselkarren, Handkarren und vielen, vielen Menschen mit den unglaublichsten Lasten. Wer Beziehungen zum Fährpersonal hat (Stichwort: Geld), kann damit rechnen, an der Warteschlange vorbei nach vorn gelotst zu werden. Wenn nicht, muss die nächste Fähre abgewartet werden. Das dauert meist mehrere Stunden bei großer Hitze. Die Überfahrt dauert eine Stunde. Um diese Prozedur nicht zweimal am Tag durchzumachen, haben wir es vorgezogen, in einem Camp unter ganz einfachen Bedingungen ohne Strom und Toilette zu übernachten. Nach getaner Arbeit gab es auch Verpflegung. Gekocht wurde hier auf einem Holzfeuer über ein paar Steinen. Es gab Pellkartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Reis, Hühnchen oder Fisch - auch zum Frühstück und immer unter freiem Himmel. Gewaschen haben wir uns in einer „Duschkabine". Die bestand aus drei Steinen zum Darauftreten, einem Eimer Brunnenwasser und einem Schöpfbecher zum „Duschen".Als Sichtschutz fungierten mehrere trockene Äste, die mit schwarzer Folie bis auf Kopfhöhe umspannt waren. Als Toilette mussten die Büsche in der Umgebung herhalten. Die Landschaft in der Umgebung des Camps und im übrigen Land war jetzt zur Trockenzeit ziemlich eintönig. Es wachsen Palmen, Cashew-Nussbäume, Mango-, Orangen-und Papayabäume. Das Gras war vertrocknet und dennoch dient es als Futter für Ziegen und Rinder. Uns wurden nebenbei auch Kinder vorgestellt, die Pateneltern für den Weiterbesuch der Schule benötigen (siehe Infokasten).

 

Aufgeschlossene Bevölkerung

Die Häuser in weiten Teilen des Landes sind einfache Hütten aus Lehm oder selbstgemachten Lehmziegeln. Das Dach ist entweder mit Wellblech oder Palmwedeln gedeckt; innen ist vielleicht eine Zwischenwand vorhanden. Fenster gibt es nicht. Als Tür dienen einfache Bretter oder ein Stoffvorhang. In jedem Raum ist je eine Lagerstatt, auf der nicht selten drei bis sechs Personen schlafen. Gekocht wird im Freien entweder auf Steinen oder auf Lehmhügeln. Gegessen wird aus einem Topf mit den Fingern. Die Toilette ist meist ein etwas abgeschotteter Ort mit Loch im Boden. Die Gambier sind nette, aufgeschlossene und oft fröhliche Leute, Fremden gegenüber sehr freundlich entgegenkommend. Kleine Kinder, die noch nie einen Europäer gesehen haben, sind anfangs unsicher und ängstlich. Sie fassen einen ganz vorsichtig an - weiße Haut ist so ganz neu. Neben der eigentlichen Arbeit blieb uns auch Zeit zur Erholung. Freitags konnten wir ohnehin nur bis Mittag arbeiten, da bald Zeit für das moslemische Freitagsgebet war. An diesem Tag tragen viele ein besonderes Kleidungsstück: den Kaftan. Aber es wird insgesamt alles nicht so streng genommen wie in den östlichen arabischen Ländern. Jeder kann seinem Glauben nachgehen - ohne Ressentiments. In unserer Freitzeit haben eine Flussfahrt auf dem Gambia mit einem Motorboot unternommen. Die Ufer sind dicht mit Mangroven bewachsen und sehr schlammig. Ein Betreten ist nicht möglich. Viele Wasservögel gibt es und Fische. Von diesen aber wegen Überfischung er weniger.

 

Patenschaften werden benötigt

Das Klima war für uns angenehm: tagsüber warm, abends abgekühlt, sodass Jacke oder Pullover nötig waren. Auch die Hauptstadt Banjul haben wir besucht sowie die größ te Stadt des Landes, Serekunda. Es gibt aber kaum Sehenswürdig-eiten. Interessant für uns Europäer ist das Markttreiben in den Orten: bunt und wirklich exotisch. Beim Kauf muss ordentlich gefeilscht werden, sonst bezahlt man viel zu viel. In größ eren Orten gibt es auch richtige Supermärkte europäischen Zuschnitts. Dort kaufen aber nur Europäer oder bessergestellte Einheimische ein - die Preise sind entsprechend hoch. Auch das Strandleben konnten wir genießen. Es gibt relativ wenig Touristen, obwohl die Strände sandig und weitläufig sind. Das Meer ist ziemlich rau, schon in Strandnähe gibt es starke Strömungen, sodass man nur bis Nabelhöhe ins Wasser gehen sollte. Der Wellenschlag ist kräftig und die Tiden sind sehr ausgeprägt. Leider mussten wir einmal auch erste Hilfe bei einem Ertrunkenen leisten - ohne Erfolg. Er war unter Alkohol etwa hundert Meter vom Strand entfernt in Not geraten. Ein Boot brachte ihn an Land, aber es gab keine Rettung mehr für ihn. Über die politischen Verhältnisse können wir nicht viel sagen. Dazu fehlten tiefere Einblicke. Es ist wohl ein pseudodemokratisches Regime mit viel Polizei. Die sechs Wochen Gambia gingen ganz schnell vorbei. Abschließend gilt es Dank zu sagen an alle, die dazu beigetragen haben, dass wir alles so gut leisten konnten. Es gehören dazu die Spender größerer und kleinerer Geldbeträge sowie von Sachspenden. Die Geldspenden, die wir erhalten haben, reichen noch für den nächsten Einsatz entweder im Herbst dieses Jahres oder Anfang 2010. Voraussichtlich im August soll wieder ein Container mit Hilfsgütern auf den Weg nach Gambia gebracht werden. Gebraucht werden vor allem Kinderbekleidung, Schuhe, Fahrräder, Textilien für Mann und Frau, Spielzeug (nicht elektronisch). Wichtig wären auch Übernahmen von Patenschaften für Schulkinder.Die Kosten belaufen sich auf 50 bis 150 Euro pro Jahr. Wer Interesse hat, kann sich auch bei mir melden. Nochmals herzlichen Dank allen Spendern, die den erfolgreichen Einsatz ermöglicht haben!

 

Patenschaften für 3 Euro

„Für drei Euro kann man Menschenleben retten", hat Hans-Werner Bille während seines Einsatzes erfahren und ruft in diesem Zusammenhang zur Übernahme von Schülerpatenschaften auf. Der Kontakt dazu erfolgt über:

Wolf-Eberhard Raue, Flämingstraße 22,

14770 Brandenburg an der Havel,

Telefon: (0 33 81) 30 18 24, E-Mail: weraue@msg-ev.de

 

Foto: Lieselotte und Hans-Werner Bille lernten Land und viele Leute kennen.

 

Text und Foto: Hans-Werner Bille - Volksstimme